Montag, 15. September 2014

phaeno für Blinde und Sehbehinderte

Unsere Kollegin Sigrid Blankenburg begleitete vor einiger Zeit eine Gruppe Blinder und Sehbehinderter durch das phaeno. Von ihren besonderen Erfahrungen hat sie uns für den Blog berichtet.
 
phaeno bietet eindrucksvolle Erlebnisse für viele Sinne. Das gilt auch für Besucher, denen ein wichtiger Sinn nicht zur Verfügung steht: für Sehbehinderte!

Anfang 2011 sprach ich mit einer blinden Nachbarin – Frau Barnstorf – über meine Arbeit im phaeno. Sie ist Leiterin der Kreisgruppe Wolfenbüttel im Blinden- und Sehbehindertenverband Niedersachsen e.V., und in diesem Gespräch entstand die Idee, mit einer Gruppe ihres Vereins einmal das phaeno zu besuchen.

Daraufhin hat sich Frau Barnstorf – zusammen mit ihrem ebenfalls sehbehinderten Ehemann – gemeinsam mit mir im Rahmen eines privaten Besuchs vorab schon einmal probehalber auf dieses Abenteuer eingelassen. Dabei war ich erstaunt, wie gut das klappte und wie beeindruckend geschickt sich meine sehbehinderten Begleiter auf dem Weg zum phaeno – mit öffentlichen Verkehrsmitteln – und auch vor Ort orientieren konnten. Gut 50 Experimente wurden ausfindig gemacht, die auch nichtsehenden Menschen interessante Erfahrungen vermitteln können. Dabei ging es vor allem um die Themen Körpergleichgewicht, Tasten, Hören und Temperaturempfinden.

Nach diesem erfolgreichen Test stand fest, dass bald schon ein Termin für den Besuch des Blinden-Vereins vereinbart werden sollte.

Auf so eine besondere Gruppenführung mussten wir uns auch seitens des phaeno gut vorbereiten. Gilt es doch, sich einfühlsam in die durchaus spannende Welt von Menschen einzulassen, die die Umgebung mit einem anderen Sinnesspektrum wahrnehmen als die meisten von uns.

Ich begrüßte die Gruppe, die aus 25 Blinden und Sehbehinderten sowie 25 sehenden Begleitern bestand, bei Kaffee und Kuchen im phaeno Bistro. Schon eine einleitende kurze Schilderung des besonderen Gebäudes konnte die Teilnehmer der Gruppe, die ja über eine ausgesprochen gut entwickelte Vorstellungskraft verfügen, durchaus beeindrucken. Und das anschließende Ertasten der schrägen Cone-Wände mit dem fühlbaren Muster der ursprünglichen Holzverschalung, mit Spuren der Maserung und der Nagelabdrücke, war ein sinnliches Erleben.
 
Das Ertasten der schrägen Cone-Wände mit dem fühlbaren Muster der ursprünglichen Holzverschalung, mit Spuren der Maserung und der Nagelabdrücke, war ein sinnliches Erleben.
Die Gruppe wurde aufgeteilt auf insgesamt 4 Kollegen, und wir erkundeten nun in kleinen Gruppen einige vorbereitete Exponate. 

Wie bei anderen Besuchergruppen auch gab es an vielen Stationen überraschte, erstaunte und auch lustige Momente:


Bei „Heiß und Kalt“, weiß man im ersten Moment nicht, welche Temperatur zu erfühlen ist – kühl oder warm? – und man zieht zunächst reflexartig die Hand zurück.
Bei „Weniger ist mehr“ staunt man über die Täuschung bezüglich des „verschwundenen“ Gewichtes.
An der „Echoröhre“ kann man mit einem guten Gehör Erkenntnisse zur Laufzeit von Schall gewinnen.
Und auch das „Luftdruckwunder“ verblüfft zuverlässig alle Besucher.
Die Zeit verging im Nu, denn wir gingen den Experimenten besonders intensiv auf den Grund. Jeder einzelne musste das jeweilige Experiment ausprobieren, da man es ja nicht einfach durch Zusehen miterleben konnte. Zum Schluss besuchte ein Teil der Teilnehmer noch ein Exponat, das für die Blinden-Gruppe ein „Heimspiel“ darstellte: Den Dunkelraum, in dem man sich in kompletter Dunkelheit seinen Weg ertastet. Unsere Gäste an diesem Tag meisterten ihn natürlich viel souveräner als die normalsehenden Besucher. Nach einem bemerkenswert raschen Durchgang durch diesen haben sich einige von ihnen amüsiert, dass das eine besondere Herausforderung für die sehenden Besucher sein soll.

Bei der Verabschiedung nach etwa einer Stunde verteilten wir noch eine Liste weiterer Exponate, die wir vorher ausgesucht hatten. So konnten alle selbstständig – mit den jeweiligen sehenden Begleitpersonen -  noch weiter das phaeno erkunden.

Besonders erfreulich war dann nach diesem speziellen Besuch auch die Rückmeldung von Frau Barnstorf:
 

 „ … im Namen unserer großen Gruppe möchte ich mich für die gelungene Führung im phaeno bedanken. Wir waren alle begeistert. Besonders möchte ich mich aber bei Frau Blankenburg bedanken. Sie hat uns das Gebäude anschaulich geschildert und die Liste der für unseren Personenkreis geeigneten Exponate mit großer Begeisterung ausgesucht.“

Und auch in einem Artikel in einer Blindenzeitung wurde der Besuch der Gruppe sehr nett beschrieben: http://www.blindenverband.org/wir-aktuell/bvn-magazin/archiv-2011/artikelansicht?entry=516

Aus dieser Erfahrung haben sich für uns folgende Empfehlungen für phaeno Besuche von Blinden und Sehbehinderten ergeben:

  • Gruppen von Interessenten werden vorab intensiv beraten.
  • Für den Besuch sollte ein Tag ausgewählt werden, an dem es im phaeno vorhersehbar nicht so voll sein wird.
  • Die blinden Besucher müssen auf die baulichen Besonderheiten hingewiesen werden: z.B. Stufen, schräge Wände und ungewöhnliche Türformen.
  • In kleinen Gruppen führen.
  • Jeder sehbehinderte Besucher muss eine sehende Vertrauensperson mitbringen, um die Wege durch die Ausstellung sicher abgehen zu können und um ggf. weitere Informationen vermittelt zu bekommen, z.B. um die Anleitungen der Exponate vertiefend zu ergründen.
Bei Berücksichtigung dieser Punkte wird so eine Unternehmung dann ein spannendes und erfreuliches Erlebnis – für alle Beteiligten!

Vielen herzlichen Dank an Sigrid, dass sie ihre Erfahrungen mit uns geteilt hat.

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